Hörfunk-Feature

Der Zaun -
Auf den Spuren eines
unbekannten Todesstreifens (Transskript)
 

für: WDR - Radio 5
am: 6.4.98

Länge: ca. 20 Minuten

Sprecher 2:
Achtung! Lebensgefahr!
Längs der belgisch-holländischen Grenze ist ein mit elektrischem Starkstrom geladener Zaun errichtet worden. Jedes Berühren des durch Warnungstafeln kenntlich gemachten Zaunes ist unbedingt tödlich, ebenso die Berührung von Menschen, Tieren oder Gegenständen, die im Zaun hängen geblieben sind.
Das Überschreiten des Zaunes ist streng verboten. Die Truppen sind angewiesen, bei jedem Versuch der Zuwiderhandlung von der Waffe Gebrauch zu machen.
Lüttich, den 18. August 1915
Das Gouvernement.

Sprecher 1:
Der Zaun - eine fast 200 Kilometer lange, mit 2000 Volt geladene Drahtsperre entlang der belgisch-niederländischen Grenze, ein von den deutschen Besatzern errichtetes Instrument des Krieges, das nach den neuesten Erkenntnissen der damaligen Technik konstruiert war, und das zwischen 1915 und 1918 2000 bis 3000 Menschen den Tod brachte: Belgischen Flüchtlingen, Kriegsfreiwilligen, Spionen und Schmugglern.
Und ein Objekt, das kurioserweise bis heute in der Geschichtsschreibung weder in Deutschland noch in Belgien beachtet worden ist. - Ein Zaun zwischen Holland und Belgien im ersten Weltkrieg? Warum?

O-Ton Zaun-Archiv (historische Aufnahme 1915)
Stillgestanden!
Soldaten, Ihr habt Euch geschlagen wie die Helden. Mancher Tapfere hat auf dem Felde der Ehre sein Leben lassen müssen. aber jede feindliche Kugel haben wir zehn mal heimgezahlt. Deutschland in der Welt voran! Ihr habt es groß und herrlich gezeigt. Euer Wahlspruch sei: Jeder Schuß ein Russ, jeder Stoß  ein Franzos. Kameraden! Die deutsche Fahne geht hoch. Achtung! Präsentiert das Gewehr!
Atmo: Marschmusik
Atmo: Marschierende Schritte

Sprecher 1:
Am 4. August des Jahres 1914 überschreiten Deutsche Truppen bei Eupen die Grenze zu Belgien, nachdem das neutrale Land den freien Durchmarsch nach Frankreich verweigert hat. Seit der Kriegserklärung Deutschlands an Rußland sind erst zwei Tage vergangen. Das winzige Luxemburg wurde schon tags zuvor besetzt, jetzt überrollt das deutsche Heer Verviers, Lüttich, und in den nächsten Tagen und Wochen Brüssel, Gent und nach langer Belagerung und schwerstem Mörserbeschuß  Antwerpen.
Schon seit 1905 sieht der sogenannte Schliefenplan vor, bei einem Krieg gegen Rußland zunächst seinen Bündnispartner im Westen zu überrollen, den „Erbfeind“ Frankreich, um den Rücken frei zu haben. Zu diesem Zweck müssen deutsche Verbände schnell durch Belgien marschieren - mit oder ohne dessen Zustimmung. Der Bruch von Völkerrecht wird dabei in Kauf genommen. Großadmiral Alfred von Tirpitz zeigt sich in seiner Rede zu den Deutschen Kriegszielen im Weltkrieg unbeeindruckt vom Vorwurf, Deutschland habe Völkerrecht verletzt:

O-Ton: Alfred von Tirpitz (Deutschlands Kriegsziele im Weltkrieg)
Dem Staat Belgien ist durch sein Verhalten Recht geschehen und nicht Unrecht.

Sprecher: Einen Monat lang rücken die Invasoren unaufhaltsam vor in Richtung Frankreich. Erst am Fluß Marne kommt der deutsche Vormarsch in einer schweren Schlacht Anfang September zum Stoppen, die Front erstarrt zu einem Stellungskrieg auf der Linie Ypern, im äußersten Westen Belgiens bis hinunter in die französischen Vogesen. Dieser Frontverlauf bleibt bis zum Ende des ersten Weltkrieges fast unverändert, Belgien ist besetzt bis auf einen kleinen, nördlichen Zipfel der Schelde-Region: Südwest Flandern.
Beim Widerstand, auf den die deutschen Truppen bis dahin gestoßen sind, handelt es sich nicht um eine geschlossene Armee.  In offenen Schlachten ist das belgische Heer hoffnungslos unterlegen. Die Belgier agieren in kleinen, beweglichen Einheiten, oftmals sind sie mit Fahrrädern unterwegs. Sie verfolgen eine Taktik, die heute als Guerillakrieg bezeichnet würde, eine Taktik der kleinen Nadelstiche, des plötzlichen Angriffs und des schnellen Rückzuges. Aus gut getarnten Verstecken beschießen Scharfschützen Aufklärungseinheiten, unterbrechen Nachrichtenverbindungen und verunsichern so stetig den deutschen Eindringling.
Die Taktik zeitigt raschen Erfolg und umgehend die massive Reaktion der deutschen Truppenführer, die in den Angriffen nicht die belgische Armee sondern heimtückische Zivilisten vermuten. Herbert Ruland, Historiker für Zeitgeschichte der Volkshochschule in Eupen:

O-Ton Ruland (Vorgeschichte)
Hier durch die Dörfer ziehen sich die Erschießungen von Zivilisten, Leuten die nichts getan haben. Warum? Angeblich hat es sogenannte „Franktireurs“ gegeben, Partisanen würde man heute sagen, die die Deutschen aus dem Hinterhalt beschossen hätten. Es gibt keine Anzeichen für eine Partisanentätigkeit hier damals. Tatsächlich sind die deutschen Regimenter so schnell vorgerückt, daß sie sich gegenseitig erschossen haben. Aber die Wut bekam die Zivilbevölkerung zu spüren, die sich natürlich auch nicht darüber freute, daß ihr neutrales Land, wo es bis dahin eigentlich immer recht friedlich zugegangen war, auf einmal überfallen wird. Und das geht so weit, daß nach dem 20. August die Stadt Leuwen in Brand gesteckt wird von den Deutschen und 242 Tote zu beklagen sind, Zivilisten wohlgemerkt. Und am schlimmsten war es in der Maas-Stadt Dinon - dort finden Sie übrigens auch heute noch keine deutsche Fahne - wo von 6000 Einwohnern 672 am 22. August erschossen wurden, darunter Zweijährige und 80jährige.

Sprecher 1:
Von der deutschen Heeresleitung wird die Idee vom Franktireurkrieg kräftig geschürt; sie steigert sich zu einer psychotischen Wahnvorstellung - im Bewußtsein der kämpfenden Soldaten, die in Belgien kaum mit Widerstand gerechnet hatten, aber auch in Deutschland, wo die gleichgeschaltete Presse die Massaker an der belgischen Bevölkerung mit Kriegsnotwendigkeit rechtfertigt:

Sprecher 2:
Verlangt der sichere Durchmarsch Deutscher Truppen die Säuberung des Gebietes von allem Gesindel und allen Schlupfstätten desselben, so darf jedes Dorf in Brand gesteckt werden. Rücksichtsloses Vorgehen gegen alle Verstöße dieser Art, wie Überfälle der Bevölkerung, liegt im Interesse der Humanität wie der Kriegsnotwendigkeit.

Sprecher 1:
So ein Korrespondent der Kölnischen Zeitung, zehn Tage nach Einmarsch der Deutschen, am 15. August 1914. Das barbarische Wüten der deutschen Truppen überzieht in den ersten Kriegswochen ganz Belgien. Viele sehen in der Flucht über die Grenze ins benachbarte Holland die einzige Chance, dem Morden zu entkommen. Unter den jungen belgischen Männern nimmt die Bereitschaft zu, sich über die neutralen Niederlande nach England und weiter nach Frankreich durchzuschlagen, um sich dort den kämpfenden belgischen Armeen anzuschließen. Seit Ende 1914 schwillt der Strom der Kriegsfreiwilligen immer stärker an, die im Nordosten des Landes über die Maas nach Holland gehen, im Westen über die Schelde, oder in dem mehr als 100 Kilometer langen Grenzgebiet dazwischen. Von den deutschen Truppen ist diese stark bewaldete und teilweise sumpfige Gegend kaum zu überwachen. Auch der florierende Schmuggel zwischen Holland und Belgien und die zunehmende Spionage können nicht unterbunden werden.

Sprecher 2:
Man war zu den Urformen des Krieges zurückgekehrt. Zuerst hatten die Belgier mit Schleudern und großen Bogen ihre Berichte und Briefe über die Grenze geschossen. Erst im März 1915 wurden diese Bogen von den deutschen Kommandanturen eingezogen.

Sprecher 1:
Notiert der Kriegsberichterstatter Heinrich Binder in seinem 1925 erschienenen Buch Spionagezentrale Brüssel.
Die deutschen Grenztruppen sind mit der Überwachung der Flüsse, Grachten und Grenzorte vollends überfordert, wie der Eupener Historiker Ruland weiß:

O-Ton Ruland:
Es waren vor allem Landsturmregimenter, also ältere, nicht mehr frontverwendungsfähige Soldaten, die da gestanden haben. Aber mit allen möglichen Mitteln versuchten die Leute nach Holland zu kommen, das heißt auf den abenteuerlichsten Wegen. Man hat mit Buttertrögen über die Maas gesetzt, man ausgehöhlte Baumstämme benutzt, um über die Maas zu kommen, man hat Treibgut an der Scheldemündung genommen, um rüberzukommen, junge Mädchen haben mit den Grenzsoldaten geflirtet, um sie abzulenken, und dann sind die jungen Burschen nach Holland. Wobei sie noch nicht in Sicherheit waren, wenn sie in Holland waren, denn Holland war neutral und mußte diese Leute eigentlich internieren. Aber es wurde dann oft ein Auge zugekniept und ungefähr 20.000 Menschen erreichten auf diese Art und Weise dann auch die Front in Flandern. Aber das wurde den Deutschen dann zu bunt und dann haben sie angefangen, diesen Zaun zu bauen, eine bestialische Anlage nach dem damals modernsten Stand, die verhindern sollte, daß weiterhin Leute an die Front nach Flandern kamen.

Sprecher 1:
Ein Zaun als Mittel, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden. Auf diese Idee verfällt das deutsche Generalgouvernement in Brüssel Anfang des Jahres 1915 auf Anregung eines Hilfsoffiziers. In den folgenden Monaten beginnen die deutschen Besatzer, entlang der belgisch-niederländischen Grenze einen Drahtzaun zu spannen, vom Aachener Dreiländereck aus bis zur Maas und von dort über 150 Kilometer weit bis hinauf in der Gegend von Brügge an der Nordseeküste. Die Bevölkerung der Grenzortschaften wird zeitweise zwangsverpflichtet, um bei der Errichtung des Zaunes mitzuhelfen, zum Beispiel Baumaterialien wie Holzpfähle oder Draht zu besorgen. Die Belgier werden gezwungen, ihr eigenes Gefängnis zu bauen.


Der Zaun ist nicht sonderlich hoch konstruiert, doch das ist auch gar nicht notwendig, denn er ist geladen mit 2000 Volt tödlicher elektrischer Spannung.
2 bis 3000 Menschen soll dieser Elektrozaun in den nächsten Jahren das Leben kosten, sei es, daß sie durch den elektrischen Schlag am Zaun selbst verbrennen, sei es, daß sie von Grenzposten erschossen werden. Nicht mitgezählt sind dabei die, die am Zaun gestellt und anschließend erschossen wurden. Bei der belgischen Bevölkerung, so schreibt Kriegsberichterstatter Heinrich Binder, hat der Zaun bald seinen Namen: Todesdraht.

Sprecher 2:
Ach, der Todesdraht!
Nachts umspielten ihn riesige Scheinwerfer. Alle hundert Meter patrouillierten deutsche Grenzposten mit scharfen Sinnen, den Finger am Abzug.
Hunderten von verwegenen Spionen, armseligen Deserteuren und Überläufern hatte er grauenvollen Verbrennungstod gebracht. Sobald sich ein Opfer gefangen hatte, das, schwarz verkohlt, mit verkrampften Händen in dem Draht hing, läutete ein Signalwerk über die ganze Front und rief Tag und Nacht den deutschen Grenzschutz zum Auslösen des Opfers und zu erhöhter Wachsamkeit herbei.

O-Ton Vanneste:
Nicht alle dieser Drähte standen unter Strom. Meistens war es so, daß die Deutschen zum Beispiel den ersten, zweiten und fünften Draht unter Strom setzten, am nächsten Tag den zweiten, dritten und fünften, man wechselte täglich die Drähte, die unter Strom standen - ich denke, um Strom zu sparen.

Sprecher 1:
Alex Vanneste ist Dekan der Philosophischen Fakultät in Antwerpen. Seit sechs Jahren beschäftigt sich der Professor für Romanistik nebenbei mit dem Phänomen Todesdraht.

O-Ton Vanneste:
Wo holten sie den Strom? Da waren zwei Möglichkeiten: Wenn der Zaun nicht weit von Fabriken stand, wo Generatoren standen, dann holten die deutschen Ingenieure den Strom in den Fabriken. Wenn das nicht möglich war, hatten sie Generatoren in den Schalthäusern, die alle 500 bis 2000 Meter entlang  des Zaunes standen.

Sprecher 1:
Der Professor für französische Grammatik und Linguistik ist zufällig, durch verwandschaftliche Beziehungen, an die Geschichte des Zaunes geraten: Der Großvater seiner Frau aus dem nordflandrischen Örtchen Neerpelt war Spion und Schmuggler während des ersten Weltkrieges. Er mußte deshalb mehrere MAle die lebensgefährlichen Grenzanlagen überwinden.

O-Ton Vanneste:
Es war ein großer, zentraler Zaun mit fünf bis sieben, acht Drähten, der auf 2000 Volt stand. Er war sehr gut unterhalten und gebaut, mit Isolationen, großen Pfählen und so weiter. Links und rechts vom Zaun, zu beiden Seiten gab es einen Beschirmzaun, aber dieser Beschirmzaun hatte keinen Strom und während der mittlere Zaun eineinhalb bis zwei Meter hoch war, waren die Beschirmzäune nur ein Meter, ein Meter zwanzig. Und die waren auch nicht so schön, so gut unterhalten. Und zwischen dem mittleren Zaun und dem linken oder rechten Beschirmzaun verlief ein Pfad, wo die deutschen Soldaten, die Landsturmsoldaten patrouillieren konnten. An manchen Stellen  war der Pfad nur ein, zwei oder drei Meter breit, an anderen Stellen 10, 20 oder 30 Meter, das kam auf die örtliche Charakteristik der Landschaft an.

Sprecher 2:
Aus der Anweisung für die Verlegung der Speiseleitung des Hochspannungszaunes in den Provinzen Lüttich und Limburg:
Nachdem der Leitungsdraht mit dem Flaschenzug gereckt worden ist, wird er auf die Isoliervorrichtung gebracht. Muß der Draht hierbei am Anfangspunkte der Linienstrecke festgelegt werden, so geschieht dies in der Weise, daß das Drahtende um den Hals der Porzellandoppelglocke bzw. Porzellanrolle geführt und in 6 bis 8 Windungen um den weitergehenden Leitungsdraht gewickelt wird.“

Sprecher 1:
Aus rein technischer Sicht ist der Zaun auf dem neuesten Stand: Alarmdrähte, Scheinwerfer, Telefonanlagen - High-Tech im ersten Weltkrieg. Selbst 80 Jahre später ist Professor Vanneste von der Leistung und der Gründlichkeit der deutschen Ingenieure im ersten Weltkrieg fasziniert:

O-Ton Vanneste:
(Und) man muß feststellen, daß die Organisation der Truppen, der Wachtruppen und die technische Organisation dieses Zaunes immer sehr, sehr gut war. Sehr gute Ingenieure und sehr intelligente Ingenieure der deutschen Armee haben daran gearbeitet, denn es war sehr, sehr gut organisiert über die 180 Kilometer.

Sprecher 1:
Daß der Zaun Strom führt, bedeutet nicht nur eine Gefahr im technischen Sinne. Der Zaun wird in einer Zeit unter Strom gesetzt, in der Elektrizität in den ländlichen Grenzgebieten Belgiens mehr oder weniger unbekannt ist. Das Dorf Neerpelt zum Beispiel wird erst 1923 an das allgemeine Stromnetz angeschlossen, also erst 5 Jahre nach Ende des Krieges.

O-Ton Vanneste:
Wer kannte Elektrizität? Ingenieure, die in einer Fabrik arbeiteten, aber die durchschnittliche Bevölkerung kannte keine Elektrizität. Das war mysteriös und es war gefährlich, und die Menschen wußten nicht, was das war, und es war ein Teil des Geheimnisvollen um den Zaun, das natürlich auch sehr stark auf die Abschreckung der Bevölkerung setzte.

Sprecher 1:
Doch trotz der tödlichen Gefahr versuchen immer wieder Menschen über oder durch den Zaun zu gelangen. Je länger der Zaun steht, desto ausgeklügelter werden die Werkzeuge, mit denen die Elektrizität ausgetrickst wird, vor allem bei professionellen Grenzgängern, Schmugglern und Spionen: Mit eigens isolierten Zangen durchschneiden sie die Drähte oder sie schützen sich mit Gummianzügen, -Handschuhen -Stiefeln vor dem elektrischen Schlag. Wer nur einmal über den Zaun und danach weiter nach Frankreich will, der bedient sich bisweilen abenteuerlicher Konstruktionen: Neben Leitern und Treppen werden zusammenklappbare Holzgestelle gebastelt, die die stromführenden Drähte auseinanderdrücken sollen, Kriegsfreiwillige üben sich im Stabhochsprung, andere versuchen, sich auf umgedrehten isolierenden Porzellantellern an Händen und Füßen unter dem Zaun durchzudrücken. Besonders beliebt sind große Holztonnen, bei denen Deckel und Boden fehlen. Landwirte, deren Felder an den Zaun grenzen, lassen die Fässer  - rein zufällig - liegen. Auf diese Weise kommt im Jahr 1916 Josef Wolgarten über die Grenze. Sein Sohn Franz Wolgarten erinnert sich an die Erzählungen seines Vaters:

O-Ton Wolgarten:
Eine der Sachen, die sie erfunden haben, das ist eine Holztonne ohne Böden. Und da mußte man - ein Problem war, man mußte nicht zu dick sein, ne. Aber das wurde dann durch die Drähte gestoßen und dann konnte man in der Mitte durch. Und so ist mein Vater rübergekommen: Mein Vater ist durch eine leere Tonne, die ein Bauer hat liegenlassen da, und die auch noch an andere gedient hat, so ist mein Vater rübergekommen.
Wolgarten (Eindrücke)
Die Eindrücke sind, dat se da gelegen haben stundenlang, um zu sehen, wie die Patrouillen und dat und dat vorbeikamen. Und dann haben sie sich auskalkuliert einen Moment, und dann war das eine Sache von ´ner Minute - da waren sie drüber.

Sprecher 1:
Nur zwei Wochen später versucht auch sein Onkel Pièrre Wolgarten sein Glück, zusammen mit einem Freund. Keiner der beiden kommt in Holland an.

Wolgarten:
Er war der einzige Sohn noch, waren bloß zwei Söhne hier, und zwei Schwestern, und er hatte dann an seiner Mutter gesagt, er würde das nicht versuchen. Man weiß nicht, was geschehen ist, er hat es versucht, ist am elektrischen Draht hängengeblieben und ist beerdigt worden in Aachen-Laurensberg.

Sprecher 1:
Die Versuche, allein oder zu zweit durch den Zaun zu kommen, sind äußerst gefährlich und nicht selten tödlich. Im Laufe des Krieges aber bilden sich organisierte Gruppen. Sie schaffen die Flüchtlinge und Kriegsfreiwilligen zu einem der etwa 30 Sammelpunkte in der Nähe der Grenze, beherbergen sie dort einige Tage oder Wochen und lassen sie  schließlich in Gruppen von 10 bis 20 Leuten von ortskundigen Führern - sogenannten Passeurs - durch den Zaun schleusen. Mit einigen tausend Mitarbeitern eine der größten Organisationen dieser Art ist „Familie Groot“ zu Deutsch: „Familiengruß“.  Zunächst soll sie lediglich Feldpostbriefe von belgischen Soldaten an ihre Familie und in umgekehrter Richtung hinter die deutsche Frontlinie schmuggeln. Doch das ändert sich bald. Professor Vanneste:

O-Ton Vanneste:
Ja, man muß wissen, daß vielleicht diese Organisation zu Beginn eine reine Post-Organisation war, aber daß alle Aktivitäten im Krieg, die geheim waren, natürlich miteinander interferierten und daß die Agenten von Familiengruß Agenten waren, die die Briefe durch die Grenzzone brachten, aber daß sie natürlich auch die Routen kannten, über die man Flüchtlinge oder Kriegsfreiwillige über die Grenze bringen konnten. Es ist also völlig normal, daß diese Organisation nach einiger Zeit sich auch beschäftigte mit dem Begleiten von Flüchtlingen nach Holland. Denn alle diese Aktivitäten interferierten miteinander.

Sprecher 1:
In den zentralen Sammelstellen arbeiten dutzende Agenten für „Familiengruß“ und ähnliche Organisationen, meist Einwohner des jeweiligen Ortes. Oft sind Freunde und Nachbarn in ein und derselben Organisation tätig, ohne voneinander zu wissen.

O-Ton Vanneste:
Jeder Mann hatte seine Rolle: Es gab Agenten, die Briefe über den Zaun brachten, es gab Agenten, die Menschen über den Zaun brachten, es gab Kuriere, es gab Menschen, die logistische Hilfe leisteten. Das war alles sehr gut organisiert. Wenn Sie hören, daß in einer Gemeinde wie Neerpelt von sechs- bis siebentausend Einwohnern - ich sag mal - 75 bis 80 Menschen in der Spionage tätig waren - das war viel. Und jeden Tag gab es Ereignisse, die etwas mit dem Zaun zu tun hatten. Viele Menschen sind auch dort getötet worden. Der Ortskommandant von Neerpelt war auch dafür verantwortlich, was am Zaun geschehen konnte. Wenn Leute über den Zaun geflüchtet waren, mußte am Tag danach der Bürgermeister vorsprechen und ihm wurde gesagt: Wir haben konstatiert, es sind auf‘s Neue fünf, oder zehn oder 20 Menschen über den Zaun gegangen, Sie müssen eine Strafe, eine Strafkontribution bezahlen an die deutschen Militärautoritäten. Das ganze Leben war also stark beeinflußt von alldem.

Sprecher 1:
Doch trotz der deutschen Anstrengungen und trotz einiger Erfolge der Gegenspionage: Den deutschen Besatzungstruppen gelingt es nicht, die Flucht von Kriegsfreiwilligen und Spionen zu stoppen oder auch nur entscheidend einzudämmen. Immer wieder wird der Zaun verstärkt, senkrecht laufende Verbindungsdrähte werden gespannt, die Sicherheitsschneisen links und rechts davon verbreitert - es hilft nichts.

O-Ton Vanneste:
Ich denke, aber das ist sehr persönlich, was ich nun sagen werde, daß dieser Zaun eine Maßnahme für nichts war. Es war natürlich schwieriger für die Spione, die Agenten, die Kriegsfreiwilligen über den Zaun nach Holland zu kommen und es sind manche Menschen gestorben, sind elektrokutiert worden an dem Zaun. Aber ich denke nicht, daß der Zaun einen negativen Effekt gehabt hat auf die Kriegsaktivitäten. Die Spionage ist weitergegangen - es sind natürlich Menschen gefangen genommen worden, exekutiert worden - das war die Folge des Zaunes, natürlich, das ist sicher. Aber für die Kriegsaktivitäten selbst glaube ich nicht, daß es ein Vorteil für die deutsche Armee war.

Sprecher 1:
Mit dem Ende des ersten Weltkrieges kommt auch das Ende des Belgischen Elektrozaunes. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 machen sich die Anwohner daran, den Zaun abzubrechen. In einigen Grenzgemeinden werden Draht und Pfähle an die örtlichen Bauern verkauft, in anderen Orten bedienen sich die Einwohner selbst. Vom Zaun bleibt bald nicht mehr viel zu sehen und seltsamerweise verschwindet auch die Erinnerung an diese tödliche Grenzsperre bald aus dem Gedächtnis der Bevölkerung. Heute wissen selbst die Mitarbeiter in den Gemeindearchiven der Grenzdörfer kaum noch etwas über den Zaun. „Da hat es wohl so etwas gegeben im ersten Weltkrieg“ ist die häufigste  Antwort. Das ist aber dann meist schon alles. Auch die Geschichtsforschung hat sich bis in die neueste Zeit hinein nicht mit diesem Phänomen auseinandergesetzt, weder in Deutschland noch in Belgien, wo die deutschen Greueltaten des ersten Weltkrieges sonst sehr genau dokumentiert sind. Diese Lücke in der Geschichtsschreibung irritiert auch Historiker wie Herbert Ruland, der sich ebenfalls erst seit kurzem mit dem Zaun beschäftigt.

O-Ton Ruland:
Es erstaunt mich immer wieder, weil nach dem ersten Weltkrieg in Belgien - natürlich auch von einer gewissen Seite unterstützt - oder: Es wurde so eine Art belgischer Patriotismus aufgebaut, der eigentlich bis da nicht so vorhanden war in Belgien und sehr stark in den Schulen - die Jugendlichen wurden sehr stark darüber informiert über das, was die Deutschen hier im ersten Weltkrieg veranstaltet hatten. Aber der Elektrozaun taucht seltsamerweise in dieser ganzen Geschichte kaum auf. Es tauchen Personen auf, in deren Zusammenhang... Gabrielle Petit, fast die belgische Jeanne D‘Arc - wo beschrieben wird, daß sie mehrfach den Zaun überwunden hat und dabei über den Zaun geklettert ist. Aber der Zaun als solcher taucht eigentlich wenig auf in der ganzen Geschichte.

Sprecher 1:
Im Vergleich zum zweiten Weltkrieg ist die Literatur zum Krieg 14/18 eher spärlich. Zudem wird die Geschichte des ersten Weltkrieges bis heute meist als Schlachtengeschichte erzählt: Immer wieder Thema ist der Stellungs- und Grabenkrieg an der Front. Die Etappe, die Geschichte des Hinterlandes bleibt dabei meist im Hintergrund und wurde bislang allenfalls als geschichtliche Fußnote abgehandelt.
Nur so erklärt sich, daß die Erinnerung an den Zaun nahezu erloschen ist: ein vergessener Todesstreifen.

diese seite wurde zuletzt geändert am Sonntag, 20. Februar 2005