Beitrag: Ermordung Grigorij Rasputins
für: WDR 2 – Stichtag
am: 30.12.2002
Länge: ca. 4’20“


Anmoderation:
Grigori Jefimowitsch Rasputin - ein einfältiger, ungepflegter Mönch, mit langem, struppigem Bart und schlechten Zähnen. Er konnte kaum schreiben und redete meist reichlich verworrenes Zeug. Dennoch gehört er zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts: Es gelang es ihm, das Vertrauen der Zarenfamilie zu gewinnen und schließlich galt er als so gefährlich, dass man glaubte ihn beseitigen zu müssen. Heute vor 85 Jahren wurde er ermordet.

Atmo: Winter, Flussrauschen, murmelnde Menschenmenge (nah)
Stimme 1 (entfernt): Zieht ihn raus!
Atmo: Schwerer Gegenstand wird aus Wasser gezogen.
Musik (leise unter Autor): Anne Clark – Akropolis

Autor: Sein Körper ist mit einer Eisschicht bedeckt, als man ihn aus dem Wasser zieht, die gefesselten Hände drohend zum Himmel gestreckt, das Gesicht zu einer Grimasse erstarrt: 16 Kugeln werden bei der Obduktion in Rasputins Körper gefunden, außerdem Zyankali. In den folgenden Tagen pilgern die Einwohner von St. Petersburg zum Fundort von Rasputins Leiche und schöpfen Wasser aus dem Fluss, weil sie sich Wunderwirkung davon erhofften.

Musik: Russische Melodien und Tänze – Track 14 „Dolchtanz“

Autor: Im Jahr 1906 taucht der Wandermönch aus der sibirischen Provinz Tobolsk in der russischen Hauptstadt auf. Der Ruf des gerade 25-Jährigen ist ihm voraus geeilt: Durch seine bloße Anwesenheit soll er Kranke heilen können. Von seinen Anhängern wird er als Heilland verehrt – weniger dafür, was er sagt, sondern wegen seiner Ausstrahlung. Die Beschreibungen über ihn sind höchst unterschiedlich, in einem jedoch sind sie immer gleich:

Sprecherin: ...Mich frappierten seine durchdringenden, tief in den Augenhöhlen liegenden Augen.

Autor: In St. Petersburg trifft der Mönch mit der magischen Ausstrahlung auf eine von Aufständen und Revolutionen verunsicherte Aristokratie; das russische Zarenreich ist bereits im Niedergang begriffen, die Herrscherschicht giert nach allem, was Erlösung verspricht. Rasputins erste glühende Verehrerin wird die kranke Olga Lochtina, eine Petersburger Salonlöwin.

Sprecherin: Von dem Augenblick an, da Vater Grigori in meinem Haus aufgetaucht war, fühlte ich mich schlagartig gesund und bin seither von meinem Leiden befreit.

Autor: Die Wundertaten Rasputins sprechen sich schnell herum – bis hinauf zur Zarenfamilie. Zarin Alexandra läßt ihn zu ihrem Sohn Alexej bringen, der an der Bluterkrankheit leidet. Bald darauf geht es dem Thronfolger besser. Fortan ist Rasputin Dauergast im Zarenpalais. Schnell sind Gerüchte im Umlauf, die Zarin habe ein Verhältnis mit dem Mönch. Und ihre Briefe an ihn, die man später findet, lassen diesen Verdacht durchaus zu...

Musik: Braune Augen – CD Russische Seele

Sprecherin: Wie verschmachte ich ohne dich... Ich bin erst dann in der Seele ruhig, wenn Du, mein Lehrer, neben mir sitzt, und ich deine Hände küsse und meinen Kopf gegen deine gesegneten Schultern neige.

Autor: Zar Nikolaus II. scheint davon nichts zu bemerken. Für die Zarenfamilie ist Rasputin „unser Freund“, der dem Monarchen mit mystischen Prophezeiungen zur Seite steht. Dabei hat Rasputin weniger seherische Fähigkeiten als ein feines Einfühlungsvermögen für das Seelenleben vor allem der Zarin. Pierre Gilliard, der Erzieher der Zarenkinder, gibt später zu Protokoll:

Sprecher: Seine prophetischen Worte bestätigten meist nur die geheimen Wünsche der Kaiserin. Gingen ihre persönlichen Wünsche durch Rasputin hindurch, so gewannen sie in ihren Augen die Kraft und Autorität einer Offenbarung.

Autor: Immer neue Gerüchte sind zu hören. Der Mann des Geistes soll den fleischlichen Genüssen zugetan. Rasputin wird von staatlichen Agenten beschattet.

Atmo: Schreibmaschinenklappern

Sprecher: Allein taucht er selten auf der Strasse auf. Wenn es aber vorkommt, begibt er sich zu der Strasse, wo Prostituierte auf den Strich gehen, nimmt sich eine und begibt sich ins Hotel oder ins Schwitzbad.

Autor: Rasputin macht aus seinem ausufernden Sexualleben kein Geheimnis, es gehört zu seinem Glaubensbekenntnis, einer kruden Mixtur aus Orthodoxie, Volksaberglauben und Praktiken der Geisslersekte. Als der Ministerpräsident den Zaren mit den Vorwürfen konfrontiert, wirft der den Bericht in den Kamin mit den Worten:

Sprecher:
„Ich weiß, auch im Schwitzbad predigt er die heilige Schrift.“

Musik (leise unter Autor): Hollow Man ST – Find Him!

Autor: Immer ungenierter mischt sich „unser Freund“ ein in höchste staatliche Angelegenheiten und Personalentscheidungen ein. Von einem heimlichen zweiten Ministerpräsidenten an der Seite des Zaren ist die Rede. In der Duma rumort es und auch die orthodoxe Amtskirche hält den Einfluss des zwielichtigen Mönchs für gefährlich. Rasputin fühlt, wie die Schlinge sich um ihn langsam zuzieht. An seine Eltern schreibt er:

Sprecher: Der Teufel, der verfluchte, gewinnt Kraft. Und die Duma dient ihm. Was wollen die? Wahrscheinlich den von Gott Gesalbten weg haben.

Musik: Russian Religious Singing – Vol. I – Track 19 „Woe is me“

Autor: In der Nacht zum 30. Dezember 1916 wird Rasputin zum Diner beim Adeligen Felix Jussupow eingeladen, dort von mehreren Verschwörern zunächst vergiftet, und als das Gift nicht wirkt, aus nächster Nähe erschossen. Kaum drei Monate später geht das Zarenreich in der kommunistischen Revolution unter.

diese seite wurde zuletzt geändert am Mittwoch, 5. Dezember 2007