Beitrag: Giordano Bruno
für: WDR 5
Länge: ca. 9 min.

Anmoderation:
Katz und Maus, Teufel und Weihwasser, Kirche und Wissenschaft - Dinge, die sich nicht gut vertragen. Wissenschaftler, die sich mit der Kirche angelegt haben, mußten bisweilen schwer dafür büßen. Ein solcher Wissenschaftler war der Philosoph Giordano Bruno. Spinoza, Goethe, Herder, Nietzsche, Leibnitz, Schelling und viele andere wurden von ihm beeinflußt. Heute vor 400 Jahren wurde Giordano Bruno hingerichtet. Martin Herzog und Marko Rösseler erinnern an den Tod des Mannes, den acht Jahre Kirchengefängnis und Folter nicht dazu brachten, von seinen Überzeugungen abzurücken.

Atmo: Feder kratzt über Papier

Sprecher II: Venedig, 23. Mai 1592. Hochwürdiger Vater und sehr veehrter Herr,
Ich, Giovanni Mocenigo, denunziere Ihnen, gezwungen von meinem Gewissen, daß ich den Giordano Bruno aus Nola bei verschiedenen Gelegenheiten sagen hörte, es sei ein großer Blödsinn seitens der Katholiken, zu behaupten, das Brot verwandle sich in Fleisch; er sei ein Feind der Messe; ihm gefalle keine Religion; Christus sei ein Betrüger gewesen; es gebe nicht mehrere unterschiedliche Personen in Gott, das würde eine Unvollkommenheit in Gott sein; die Welt sei ewig und es gebe unzählige Welten, und Gott schaffe deren unaufhöhrlich unzählige.

Sprecher I: Während in den oberen Gemächern der venezianische Adelige Giovanni Mocenigo dies schreibt, ist  Giordano Bruno unten im Kellerverlies des Palastes bereits eingekerkert. Einen Tag später wird er von der Inquisition verhaftet und in ein Gefängnis gebracht - das Ende einer 16 Jahre währenden Flucht durch halb Europa.

Atmo: Mönchische Litanei... / Musik, nicht allzu kirchlich.

Sprecher I: Sein Leben lang ist Giordano Bruno in Kirchenkreisen unangenehm aufgefallen. Mit 17 tritt er dem Dominikanerorden bei. Da hatte er bereits Logik und Dialektik an der freien Universität Neapel studiert. Schon bald befallen ihn Zweifel an den zentralen kirchlichen Dogmen. Zwei Prozesse gegen ihn gehen noch glimpflich aus. Doch als er ein Jahrzehnt später sein Theologiestudium beendet hat, haben die Kirchenoberen 130 Anklagepunkte gegen ihn zusammengetragen. Letzter Beweis seines Ketzertums: Im Abtritt des Klosters hat Giordano Bruno verbotene philosophische Schriften versteckt. Um der Inquisition zu entkommen, flieht er, zunächst nach Rom, von dort aus weiter über die Schweiz, Toulouse, Lyon und weiter nach Paris, wo er an der Universität Vorlesungen hält.

Sprecher II: Durch jene Vorlesungen erwarb ich mir einen solchen Namen, daß der König Heinrich III. mich eines Tages zu sich beschied und mich fragte, ob das Gedächtnis, das ich besäße und an den Tag legte, natürlich wäre oder auf magischer Kunst beruhe. Nach meinen Worten und Werken erkannte er bald, daß es sich nicht um magische Kunst, sondern um Wissenschaft handelte, und danach ließ ich ein Buch drucken über das Gedächtnis unter dem Titel „Von den Schatten der Gedanken“, das ich seiner Majestät widtmete.

Sprecher I: Das Buch über die Kunst des Gedächtnisses begründet seinen frühen Ruhm. 1583 verläßt er Paris und geht nach London - obwohl er kein Englisch spricht und sich auch weigert, es zu lernen. Hier begründet er seine Kosmologie. Hans-Gerhard Senger, Philosophie-Dozent an der Universität zu Köln.

O-Ton: Kosmologie
Im Kern besagt die Kosmologie, die neue Kosmologie Brunos: Unendlichkeit der Welt, unendlich viele Welten. Die Erde steht nicht mehr im Mittelpunkt der Welt, also die Dezentralisierung der Erde, ihre Depotenzierung - das heißt, sie ist nicht vornehmer oder weniger vornehm als andere. Das heißt: Da das Universum aus ein und derselben Materie homogen gestaltet ist, ist sie ein Stern unter vielen.

Sprecher I: Das Universum, alles Existierende, besteht laut Brunos Philosophie aus kleinen, sowohl geistigen wie materiellen Einheiten, den Minima oder Monaden. Er begreift Welt wird als ein zusammenhängender Organismus begriffen:

O-Ton: Kosmologie
Das hat Konsequenzen in der Haltung diesem Organismus gegenüber. Es sind nicht Kräfte, die von Außen die Körper - seien es die Himmelskörper, seien es die einzelnen, individuellen Körper - bestimmen. Sondern es ist die Materie, die als eigene belebt ist, und aus sich ihre eigenen Kräfte entfaltet.

Sprecher I: Nur zwei Jahre bleibt Bruno in England. Dann zieht es ihn zurück auf den Kontinent. In Paris hält er erneut Vorlesungen - doch es kommt zum Eklat, als er seine Thesen öffentlich verteidigt. Er verläßt Frankreich in Richung Deutschland. Doch auch hier eckt er an. Im Frankfurter Bürgermeisterbuch findet sich die Eintragung...

Sprecher II: Man hat dem fremden Philosophen bedeutet, daß er seinen Heller anderswo verzehren kann.

O-Ton: Schwieriger Mensch I:
Er war von der Person her offensichtlich ein sehr konsequenter, ein sehr streibarer Mensch auch. So hat er bei seinen vielen Wanderungen durch die europäischen Universitätsstädte sogleich immer Streit und Händel mit den Professoren der Universitäten gehabt /..../ Also ein insgesamt wohl schwieriger Mensch, selbstbewußt.

Sprecher I: Das bezeugt 1586 auch Rigidius, der Rektor der Universität zu Marburg.

Sprecher II: Da ihm aber die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen über Philosophie zu halten, von mir aus hochwichtigen Gründen verweigert wurde, so geriet er so in Zorn, daß er mich in meinem eigenen Hause frech beschimpfte, als ob ich in dieser Sache gegen das Völkerrecht, die Gewohnheit aller Universitäten Deutschlands und gegen alle Interessen der Wissenschaft handelte.

Sprecher I: In Wittenberg aber, der Stadt Luthers, findet der getriebene Philosoph Aufnahme und Lehrauftrag. Doch auch hier hält es ihn nicht lange. Eine Reise führt ihn noch nach Prag - doch möchte er endlich zurück nach Italien. 1591 übermittelt ihm ein Frankfurter Buchhändler die Einladung eines venezianischen Adeligen, den er in der Gedächtniskunst unterrichten soll: Giovanni Mocenigo. Bruno zieht als Privatlehrer in dessen Palast in Venedig ein. Doch Mocenigos Erwartungen werden enttäuscht - Mocenigo hatte wohl eine Art Magie erwartet, die sein Gedächtnis auf wundervolle Weise steigern würde. Stattdessen erwartete ihn eine nüchterne Theorie. Vielleicht dachte Mocenigo, die Bruno verheimliche ihm die wesentlichen Elemente seines Wissens. Auch menschlich funktioniert es nicht zwischen dem Adligen und dem Philosophen. Als Bruno nach drei Monaten wieder abreisen will, denunziert ihn Mocenigo bei der Inquisition:

Sprecher II: Er bezeugte die Absicht, eine neue Sekte zu gründen unter dem Namen „Neue Philosophie“. Er hat gesagt, die Jungfrau habe nicht gebären können, und unser katholischer Glaube sei voll von Lästerungen gegen die Majestät Gottes, man müsse den Brüdern die Lehrfähigkeit und überhaupt den Eintritt versagen, da sie die Welt verdummen und alle Esel seien.

Sprecher I: Acht Jahre dauert die Gefangenschaft in den Kerkern der Inquisition. Und das bedeutet zu dieser Zeit auch Folter.

O-Ton: Schwieriger Mensch II
Es sind immer wieder Versuche gemacht worden, ihn um das Opfer des Abschwörens zu retten. Aber da ist Bruno nicht drauf eingegangen. ... Er wird als reuelos, hartnäckig und starrsinniger Häretiker von diesem Berichterstatter gekennzeichnet.

Sprecher I: Auf den Scheiterhaufen bringt ihn die Inquisition nicht wegen seiner wissenschaftlichen Arbeiten, sondern aufgrund seiner ablehnenden Haltung zu den - bis heute gültigen - Dogmen der katholischen Kirche: die Jungfrauengeburt, die Dreifaltigkeit Gottes und die Verwandlung von Wein in Blut beim Abendmahl.

O-Ton Senger (Dogmatik wichtiger)
So weit wir es rekonstruieren können, hat Bruno immer wieder versucht, bei den verschiedenen Untersuchungen, gerade seine philosophischen Fragen, auf die er stolz war, und an denen er festhalten wollte, ins Spiel zu bringen.

Sprecher I: Doch davon wollen die Inquisitoren nichts wissen. Am 7. Februar 1600 verkünden die Kardinäle das Todesurteil.

Sprecher II: Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht gegen mich, als ich es entgegennehme!“

Sprecher I: Soll Giordano Bruno trotzig entgegnet haben. Ein Zeitzeuge berichtet von der Hinrichtung des Philosophen, heute vor 400 Jahren auf dem Campo dei Fiori...

Sprecher II: Heute also ist er zum Scheiterhaufen geführt worden. Als hier dem schon Sterbenden das heilige Kruzifix vorgehalten wurde, wandte er mit verachtender Mine sein Haupt und ist so geröstet elendiglich eingegangen.

Sprecher I: Brunos Schriften werden auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt. Dort bleiben sie, bis 1965 der kirchliche Index abgeschafft wird. Als am Ende des 19. Jahrhunderts an der Stelle, an der Bruno starb, ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet wird, schreibt Papst Leo XIII:

Sprecher II: Er hat weder irgendwelche wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen, noch hat er sich irgendwelche Verdienste um die Förderung des öffentlichen Lebens erworben. Seine Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intollerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei.

Sprecher: Bis auf den heutigen Tag gibt es aus dem Vatikan keine offizielle Entschuldigung oder Rehabilitierung des Philosophen Giordano Bruno.

diese seite wurde zuletzt geändert am Mittwoch, 5. Dezember 2007