Beitrag: Eine Deutsche Reise Anno 1708
für: WDR 2 - Budengasse
Länge: 5 min.

Anmoderation:
Wenn es Sommer wird, zieht es den Deutschen nach Süden, auf die Kanaren, nach Spanien, oder als Klassiker: Nach Italien. Die blassen Teutonen fallen in die Toskana ein, um sich mit der hart verdienten Mark ein wenig vom „Dolce Vita“ zu erkaufen.
Und wer kommt zu uns? aus Italien? Niemand, warum auch? - Ein schönes Land, Sonne und Kultur haben sie schließlich selbst. Einer, der die Reise nach Deutschland dennoch unternommen hat, hat seiner Erlebnisse in einem Tagebuch niedergelegt.  Eine Fahrt von Venedig über Innsbruck, Augsburg und Nürnberg, Frankfurt, Leipzig, Berlin und Hamburg bis nach Dänemark. Gerade ist das Tagebuch reich bebildert in Deutsch erschienen - Knapp 300 Jahre nach dieser Reise...
 

Musik: schneller italienischer Barock, Atmo: Kutsche

Anonimo: Im Namen Gottes und der glorreichen Jungfrau Maria brach ich von Venedig am Samstag den ersten September 1708 auf.

Sprecher: Was um alles in der Welt bringt einen Venezianer dazu, eine Reise nach Deutschland zu unternehmen? Und das auch noch in so unsicheren Zeiten, als jeder, der nicht unbedingt mußte, tunlichst zu Hause blieb: miserabler Straßenbelag, unflätige, meist betrunkene Kutscher, schlechte Gasthäuser, Wegelagerei allenthalben. Und dann das schwere germanische Essen, das jemanden, der es nicht gewohnt ist, sehr in Verlegenheit bringen kann...

Atmo: Kutschengetrappel

Anonimo: Bei Tisch hatte ich Kraut gegessen, das verursachte mir heftige Schmerzen, die nach ein paar Stunden vergingen. Ich brauche nicht zu sagen, in welcher Bedrängnis ich mich befand.

Sprecher: Warum also besteigt  dieser Venezianer eine ungefederte, zugige Postkutsche gen Norden? Er verrät es uns nicht, ebensowenig wie seinen Namen. Dafür aber teilt er uns seine Eindrücke von den Deutschen Städten mit. Dabei besichtigt er nicht nur Kirchen, Schlösser und Weinkeller, sondern nimmt, wie hier in Nürnberg, auch die Gepflogenheiten des örtlichen Strafvollzugs in Augenschein.

Atmo: Münze fällt auf einen Teller, Schließgeräusche, Kerker

Anonimo: Ein paar Gulden ermöglichten es mir, zwei Verurteilte aufzusuchen, die am nächsten Tag hingerichtet werden sollten, der eine gevierteilt, der andere enthauptet. Ich ging zu ihnen (...) und (...) sprach mit Hilfe eines Übersetzers mit dem Betroffenen (...) Er hatte ein Tischchen mit einer erlöschenden Kerze, zwei Becher mit Bier und Wein und einige Bücher, damit er, der schlecht gelebt hat, gut sterbe.

Sprecher: Was der Venezianische Reisende dann auch am nächsten Tag bei der Hinrichtung bezeugen kann. Überhaupt gibt es in jeder Stadt, die etwas auf sich hält, regelmäßige Unterhaltungsprogramme vom Typ Rädern oder Enthaupten. In Frankfurt zum Beispiel, wo es vor den Stadttoren in malerischer Umgebung einige sehr schöne Galgen gibt. Doch bald geht es über Mainz in Richtung Köln, auf dem wundereschönen Rhein mit seinen vielen Burgen und Zitadellen - und mindestens ebenso vielen Polizeikontrollen...

Atmo: Rheinrauschen

Anonimo: Ich (...) wies die Reisedokumente an allen Orten vor, die man passiert, und das sind viele. Auf der Fahrt wurden die Passierscheine oft und oft verlangt, bei jeder noch so kleinen Festung. (...) Mittlerweile wurde es dunkel und ich konnte die die zu Köln gehörende Stadt Bonn erst in der Dunkelheit erreichen. Mit einer Wache mußte ich die ganze Nacht vor der Stadtmauer stehen. 3 Stunden lang regnete es und ich mußte durchnässt die ganze ganze Nacht ausharren.

Sprecher: In Köln ist das Stadttor Fremden gegenüber etwas aufgeschlossener. Und was macht man in Köln als Tourist und guter italienischer Katholik? Man schaut sich den Dom an, auch wenn der noch eine ziemliche Bauruine ist und mit italienischen Kathedralen natürlich nicht mithalten kann.

Anonimo: Wäre die Kirche fertig, wäre sie fast so bedeutend wie der Mailänder Dom. (...) Inzwischen sind es vier Jahrhunderte, daß Dom und Turm auf Hilfe warten, aber statt Bausteinen finden sie nur die steinhart verschlossenen Ohren derer, die sie fertigstellen sollten.

Sprecher: Naja, das hat knapp 150 Jahre später ja dann doch noch geklappt mit dem Dom. Was der Venezianer an italienischer Eleganz und architektonischer Kühnheit vermisst, findet er in deutscher Ordnung und Sauberkeit, vor allem im preußischen Berlin.

Atmo: belebte Straße, Mistkarren rollt vorbei

Anonimo: Auf den geraden, breit und gut gepflasterten Straßen Straßen liegt kein Kot, weil sie jeden Morgen mit eigens dafür bestimmten Wagen gereinigt werden müssen.

Sprecher: Die junge, aufstrebende Hauptstadt Preußens zeigt sich von seiner glanzvollen Seite: Paläste, Museen, Brücken und Brunnen. Zunächst besichtigt der Venezianer den städtischen Zoo mit reichlich exotischem Getier, später macht er seiner Majestät Friedrich I. die Aufwartung.

Musik: höfischer Barock. Spinnett?

Anonimo: Ich trat ein und verbeugte mich tief vor dem König und den Prinzen, die meinen Gruß zu erwidern geruhten. Ich blieb und sah ihnen beim Speisen zu (...) Die Tafel war voll mit Pasteten Leckereien in Saft und dicken Suppen. Seine Majestät aß Austern.

Sprecher: Da ist das Volk noch wirklich nahe beim Herrscher... Der anonyme Reisende aus Venedig urteilt schließlich überraschend wohlwollend über das Land der Deutschen. Doch seinen eigenen Landsleuten gibt er einen guten Rat, sollte es sie doch einmal in diese Region nördlich der Alpen verschlagen:

Musik: wie am Anfang

Anonimo: Zur Verteidigung der Italiener, die sich wie Scheusale benehmen, sei‘s gesagt: In Deutschland wird jeder, der als Fremder erkannt wird, wie ein Trottel behandelt, sie sind weit ärger als unsere Kriecher, und Gott bewahre einen davor, in ihre Hände zu geraten, (...) und ich (...) rate keinem in diese Länder zu reisen, wenn er der Sprache nicht kundig ist, außer er reist auf fremde Kosten.
 

Abmoderation:
Die Erlebnisse von Anonimo Veneziano sind erschienen unter dem Titel „Eine deutsche Reise Anno 1708“, im Haymon-Verlag, Innsbruck. Das Buch kostet 58.-DM.

diese seite wurde zuletzt geändert am Sonntag, 20. Februar 2005